Die Ausstellung im Inneren eines bürgerlichen Lebensraums aus dem späten 19. Jahrhundert zeigt Wolfs Leben und Werk in allen charakteristischen Perioden seines intensiven, extravaganten und auch tragischen Lebens, wobei seine Kindheit in Slovenj Gradec, die Erzählung der Lebensumstände in seinem Geburtsort und seine Familie im Mittelpunkt stehen.

 

Kindheit in Slovenj Gradec (1860 - 1875)

In Slovenj Gradec (Windischgräz), dem kleinen regionalen Zentrum in der Südsteiermark, wird Hugo als drittes Kind des Phillip Wolf, eines Gerbers, angesehenen Bürgers und Musikfreundes, und dessen Frau Katharina, geb. Nussbaumer aus Naborjet im Kanaltal, am 13. März 1860 geboren. Im zweisprachigen, jedoch vorwiegend deutschen Umfeld der mittelalterlichen Stadt haben die Wolfs schon längst auf ihre slowenischen Wurzeln vergessen. In der Zeit unduldsammer Spannungen zwischen den beiden Völkern bekennen sie sich klar zum Deutschtum und leben vor allem ein idyllisches Familienleben, das nur von einem katastrophalen Brand verdunkelt wird, der 1867 den Großteil des Hauses, die Werkstatt und die Lagerräume vernichtet. Hugo spielt bereits im Vorschulalter Klavier und Violine und gilt als musikalisches Wunderkind mit einem absoluten Gehör, das er vom Vater erbt, während er von der Mutter wohl den starken und aufbrausenden Charakter hat. Den ersten Musikunterricht erhält er bei seinem Vater und beim Hauslehrer Sebastian Weixler; das gesellige Leben im Haus ist mit Musik erfüllt. Im Hausorchesters des Vaters spielt der kleine Hugo die zweite Violine. Die zweisprachige vierjährige Volkschule in Slovenj Gradec besucht er ohne Schwierigkeiten, jedoch bleibt sie die einzige Schule, die er abschließt! Mit zehn Jahren geht er aufs Gymnasium in Graz, das schon sein älterer Bruder Max besucht, doch ist er schon nach sechs Monaten wieder zu Hause. Die nächste Station ist St. Paul im Lavanttal; wieder hat er in den meisten Gegenständen Probleme, nur sein Musiklehrer, Pater Sales Pirc, setzt sich für ihn ein, 1873 versucht er es ein drittes Mal: Auch in Maribor ist er bald das Opfer seines hitzigen Temperaments und kehrt nach einem Streit mit den Lehrern und dem Direktor vor Ende des Schuljahrs 1875 nach Slovenj Gradec zurück. Nach ungenügenden Leistungen in den meisten Gegenständen widmet er sich nur der Musik. Er studiert die Wiener Klassiker, in Maribor entstehen erste Kompositionen: Klaviersonate (dem Vater gewidmet), Klaviervariationen, 5 Lieder, davon 4 nach Gedichten von Goethe, einige Skizzen für ein Streichquartett und Chöre.

 

Konservatorium und Erlebnis Wagner (1875 - 1877)

Hugos Überzeugung, nur für die Musik leben zu wollen, trägt Früchte. Die Schwester seines Vaters, Katharina, ist bereit, den vielversprechenden Neffen in ihrer Wohnung in Wien aufzunehmen, das Konservatorium besuchen bereits ihre Töchter Anna und Ida.

Seit September 1875 ist die Metropole Wien mit Wolfs Leben und Schaffen schicksalhaft verbunden. Am Konservatorium geht es ihm anfangs recht gut, und den unentwegt musikhungrigen Musiker zieht es in die Hofoper. Am 22. November hört er erstmals Wagners Oper Tannhäuser, die sein Musikempfinden bis in die Grundfesten erschüttert. Er wird zun einem glühenden Wagnerianer und verzehrt sich in dem Wunsch, mit dem Meister persönlich zusammenzutreffen: Nach tagelanger aufmerksamer Beobachtung und mithilfe des Hotelpersonals gelingt es am 12. Dezember, dass ihn Wagner in einem prunkvollen Zimmer des Hotels Imperial empfängt. Dieser fertigt ihn gönnerhaft, jedoch freundlich ab und erregt durch die Brillanz unerreichbaren Prunks für immer die Fantasie des jungen Komponisten.

Nach einem erfolgreichem ersten Jahr am Konservatorium verbringt er die Ferien in Slovenj Gradec. Nach der Rückkehr nach Wien übersiedelt er im Oktober in eine eigene Mietwohnung. In den folgenden zweieinhalb Jahren wechselt er die Wohnung aus verschiedenen Gründen 21 Male! Er freundet sich mit dem Kreis »neudeutscher« Wagnerianer an, vor allem mit Adalbert von Goldschmidt, dem Liebling der wohlhabenden Wiener Boheme. Er entfernt sich immer mehr vom Studium. Wegen eines Disziplinarverstoßes wird er vom Konservatorium ausgeschlossen. Im Sommer 1877 entstehen in Slovenj Gradec die ersten Chorzyklen und Lieder (Wanderlied). Fest entschlossen, Erfolg zu haben, kehrt er im November 1877 nach Wien zurück, wo er sich in Gesellschaft von Goldschmidt in Vorstadtbordellen Kaffeehaus- und lotterhaften Kreisen anschließt. Im Alter von kaum 18 Jahren infiziert er sich mit Syphilis – die unheilbare Krankheit bestimmt in den folgenden Jahres bis zum frühen Tod Wolfs Persönlichkeit und Schaffen.

 

Liebe, Bohemien-Jahre, Ungewissheit (1878 - 1883)

Die Situtaion eines anonymen freien Künstlers, der nur in den Augen seiner besten Freunde und deren Familien etwas gilt, zwingt Wolf immer wieder, vom Vater Geld zum Überleben zu erbetteln. Er erteilt Klavierstunden meist in den Häusern von Bekannten, wo er gastfreundlich aufgenommen wird und seinen Freundeskreis erweitert. In Goldschmidts Haus am Opernring lernt er die Familie Lang und deren in Paris geborene Nichte Vally Franck kennen, in die er sich unsterblich verliebt. In einem Zustand der Glückseeligkeit ensteht der erste große Liederzyklus nach Gedichten von Heine. Die vier Jahre ältere, gebildete und lebensfrohe Vally Franck ist Wolf zugetan, droht jedoch aufgrund seiner überschäumenden Gefühle zu ersticken. Sie bricht deshalb die komplizierte Beziehung nach drei Jahren ab. In den Sommermonaten kuriert Wolf seine Enttäuschung in der idyllischen Umgebung von Mayerling im Wiener Wald, wo er Gast der Familie Preyss ist, und im nahe gelegenen Perchtoldsdorf besucht er auch die Familie Werner, mit der er auch in späteren Jahren verbunden bleibt. Das quartett in d-Moll beginnt zu enstehen. 1879 teilt er mit Gustav Mahler, einem Freund und Studienkollegen vom Konservatorium, für einige Monate die Wohnung und die Begeisterung über Wagner und Bruckner. In diese Zeit fallen wichtige Begegnungen mit zwei berühmten Komponisten: Anfang März 1879 klopft Wolf mit einem Notenbündel unter dem Arm als Bewunderer des Meisters an die Tür von Johannes Brahms, verlässt jedoch die Wohnung in der Karlsgasse als sein schlimmster Feind. Ganz anders geht das Treffen mit Franz Liszt im April 1883 aus – auch unter dessen Einfluss beginnt er mit der Komposition der sinfonischen Dichtung Penthesilea nach einer Vorlage von Kleist. 1882 befreundet sich Wolf mit dem Ehepaar Köchert, insbesondere die nur zwei Jahre ältere Melanie bleibt bis zum Tod eine intime Freundin.

 

Glasbeni kritik (1884 - 1887)

Wolf ist vom Tod Wagners 1883 zutiefst erschüttert. Er befreundet sich mit dem etwas jüngeren Hermann Bahr, einem Schriftsteller aus Linz und später einflussreichen Wiener Kunstkritiker. Für einige Zeit teilt er sich mit Edmund Lang eine Wohnung im Trattnerhof, wo früher auch Mozart gewohnt hatte. Den aufopfernden Eheleuten Köchert gelingt es, eine Lösung für Wolfs aussichtslose finanzielle Verhältnisse zu finden: Sie empfehlen ihn dem Verleger der Boulevardzeitung Wiener Salonblatt, wo seit Januar 1884 in den folgenden dreieinhalb Jahren 112 Beiträge erscheinen. Heinrich Köchert steuert ohne Wissen des jungen Komponisten für die Auszahlung des regelmäßigen Honorars monatlich 60 Kronen bei. In der wöchentlichen Rubrik veröffentlicht er Rezensionen und Kritiken des Wiener Musikgeschehens, nutzt jedoch die Spalte öfter für kulturpolitische und persönliche Polemiken voller Giftpfeile und Ausfälle. Von den Komponisten greift er unermüdlich, mit höchst sarkastischen Bemerkungen vornehmlich Brahms an, unter den modernen deutschen Komponisten hält er nur Bruckner für seinesgleichen. Mit den kritischen Beiträgen erntet er über Nacht zweifelhaften Ruhm, mit dem er die Leser des Wiener Salonblatts amüsiert. Diese Publizität des »wilden Wolf« schadet jedoch nur der Karriere des Komponisten: Die Mitglieder des Rosé-Streichquartetts lehnen 1885 die Aufführung des fertig gestellten Quartetts in d-Moll ab, Gleiches widerfährt ihm ein Jahr später mit der geplanten Uraufführung der Penthesilea bei den Wiener Philharmonikern. Seine Betätigung als Kritiker wird mit gemischten Gufühlen auch von seiner Familie in Slovenj Gradec verfolgt. Der Vater macht ihn immer wieder darauf aufmerksam, maßvoller, wohl aber entschlossen und selbstbewusst zu sein. Als Wolf nach dem Tod seines Vaters am 9. Mai 1887 in eine schwere Depression verfällt, hört er mit dem Komponieren auf. Obwohl er mit dem ersten Quartett keinen Erfolg hat, beendet er noch ein zweites mit dem Titel Italienische Serenade. Es entsteht der bedeutende Liederzyklus nach Gedichten von Eichendorff. Die Ferien verbringt er meist bei seiner Schwester Modesta und seinem Schwager Josef Strasser in der Steirmark, wo unter anderem 1884 die nur fragmentarisch erhaltene Schauspielmusik nach Kleists Prinz Friedrich von Homburg entsteht.

 

Schaffensrausch (1888 - 1891)

Die Herausgabe der ersten zwei Liederbände bei einem kleinen Verlag, den sein Freund Friedrich Eckstein findet (für das Erscheinen legt er eine finanzielle Garantie bei), bereitet Wolf im Herbst 1887 unermessliche Freunde und verleiht ihm neue Schaffenskraft. Die fieberhafte Anspannung, wahrscheinlich als Folge des Krankheitsverlaufs, löst sich in einer rauschhaften Schaffensphase im idealen Ambiente des Friedens und der Ruhe im Landhaus der Familie Werner in Perchtoldsdorf, wohin er sich im Februar 1888 zurückzieht. Drei Tage nach seinem 28. Geburtstag komponiert er das erste der unsterblichen Lieder nach Gedichten von Eduard Mörike, in einem Arbeitsrausch voller Inspirationen vertont er ohne Unterbrechung bis zum 9. Mai 43 Gedichte! Im Herbst desselben Jahres finden durch Unterstützung des Wiener Wagnervereins die ersten öffentlichen Liederabende statt, im Salon der Eheleute Köchert begeistert er mit Mörikes Liedern den bekannten, wohl aber schon etwas betagten Tenor Ferdinand Jäger, der sie in den folgenden Jahren der Öffentlichkeit mit Enthusiasmus präsentiert. Mit fast dämonischem Schaffensdrang komponiert Wolf neue Mörike-Lieder, mit 10 neuen Liedern krönt er den Eichendorff-Zyklus, Anfang 1889 entstehen die ersten Lieder aus dem monumentalen Goethe-Zyklus. Er kokettiert mit Opernversuchen, das erste Libretto von Rosa Mayreder nach einer spanischen literarischen Vorlage lehnt er ab. Das romantisch-verträumte Kokettieren mit der mystischen Frivolität der südlichen Ländern ersetzt er durch das Komponieren von Liedern aus den Zyklen des Spanischen und Italienischen Liedersbuch. Seit Oktober 1890 reist er mehrmals durch Deutschland, wo er sich einen neuen Bekannten- und Freundeskreis schafft, zu dem unter anderem Detlev Liliencron aus München, Emil Kauffmann aus Tübingen und Oskar Grohe aus Mannheim zählen. In Mainz lernt er Ludwig Strecker kennen, den Leiter des bedeutenden Schott Verlags.  Dessen Veröffentlichungen der Liederbücher ermöglichen es schließlich, Wolfs Schaffen einem breiteren Publikum zu öffnen.

 

Reisen, Opernpläne (1892 - 1894)

So wie sich Anfang 1888 Wolfs fieberhafter Schaffensdrang entzündet, so verlöscht er plötzlich vier Jahre später. Von Dezember 1891 bis April 1895 gelingt ihm die Vertonung keines einzigen Gedichts! Die völlige Lähmung seiner Schaffenskraft ist vor allem mit dem paralytischen Vorstadium der Krankheit zu erklären; extreme Empfindlichkeit auf Umweltreize (jedes stärkere Geräusch stört ihn bis zum Wahnsinn) und schwere Depressionen quälen ihn. Es folgen Tourneen durch Deutschland, wo ihn die Reaktionen des Publikums nicht aufmuntern, umso mehr aber die Kritiken. Bei den dortigen Freunden macht er schließlich eine Opernidee ausfindig, die ihn begeistert: Er beginnt mit den Plännen für eine Vertonung der spanischen Novelle Manuel Venegas, lehnt jedoch mehrere Versionen des Librettos ab. Die Liederabende sind schließlich auch in Österreich von Erfolg gekrönt. Der Grazer Zahnarzt und große Musikfreund Heinrich Potpeschnigg, der Wolf sozusagen als unaufgeforderter »Impresario« bis zum Ende zur Seite steht, veranstaltet sie 1893 in der steirischen Hauptstadt mit großem Erfolg. Auch das erste selbständige, ausschließlich aus Wolf-Liedern bestehende Konzert am 3. April 1894 in Wien ist ein unerwarteter Erfolg, da die Sänger Ferdinand Jäger, Hugo Faißt und Frieda Zerny mit Wolf am Klavier in der Zugabe fast das halbe Programm wiederholen. Die beiden letzteren hinterlassen in Wolfs Leben einen tiefen Eindruck. Den Rechtsanwalt und Amateurbassbariton Hugo Faißt trifft er bei Goethe in Mannheim, der seitdem ein treuer Anhänger, überaus freigebiger Mäzen und intimer Freund ist. Den vier Jahre jüngeren Mezzosopran Frieda Zerny lernt er im Januar 1894 in Darmstadt kennen. Die bekannte Opernsängerin ist in Mainz von Wolfs Liedern so begeistert, dass sie die Bühne verlässt und sich zur Gänze den Konzertourneen mit Wolf widmet. Gleichzeitig verstrickt sie sich in ein leidenschaftliches Liebesverhältnis. 1893 besucht Wolf ein letztes Mal seine Mutter und sein Geburtshaus in Slovenj Gradec.

 

Der Corregidor (1895 - 1896)

Endlich, nach langen Jahren unermüdlichen Suchens, findet Wolf eine passende Opernvorlage und die Möglichkeit, seinen brennendsten Wunsch zu realisieren: ein berühmter (und reicher) Opernkomponist zu werden. Nach drei unproduktiven Jahren ist er wie neuegeboren. Am 12. März 1895 beginnt er wieder mit einer neuen Version der Bearbeitung von Alcarons Dreispitz (später umbennant in Der Corregidor) von Rosa Mayreder im abgelegenen Perchtoldsdorf, wo er Freunde an den Wochenenden nur ungern empfängt. Am 16. Mai nimmt er eine Einladung des Barons Lipperheide an und setzt die Arbeit auf Burg Matzen in Tirol fort. Schon am 9. Juli beendet er den Klavierauszug und am 22. Dezember auch die Instrumentation der Oper. Für den Druck der Partitur trifft er eine Vereinbarung mit dem Heckel Verlag aus Mannheim. Die erste Enttäuschung: Die Wiener Hofoper zeigt an Wolfs Arbeit kein Interesse. Sein Freund Oskar Grohe erreicht dennoch, dass es in derselben Konzertsaison zu einer Uraufführung kommt: Die Premiere am 7. Juni 1896 im Hof- und Nationaltheater in Mannheim ist ein großer Erfolg, trotzdem wird die Oper nicht auf den Spielplan der nächsten Saison gesetzt. In Wien wohnt er vorerst bei Familie Mayereder und im Frühling 1896 wieder eine Zeit lang in Perchtoldsforf, wo 24 Lieder für den zweiten Teil des Italienischen Liederbuchs entstehen. Im Sommer geht ihm ein weiterer großer Lebenswunsch in Erfüllung: Am 4. Juli übersiedelt er in die Schwindgasse Nr. 3 in Wien, in seine erste eigene Wohnung. Die möblierte Mehrzimmerwohnung mit Wohnzimmer und einem Bösendorfer Klavier, das freigebige Feunde besorgten, genießt er jedoch nur etwa 15 Monate. Im August entdeckt der Arzt die Symptome einer progressiven Paralyse.

 

Zussamenbruch und Ende (1897 - 1903)

Wolf krönt sein Lebenswerk mit drei Liedern nach Sonetten des genialen Michelangelo, die zwischen 18. und 28. März 1897 in der Schwindgasse entstehen. Das Lied »Alles endet, was entstehet« ist ein erschütterndes Memento mori, das aus dem immer tieferen Abgrund seiner Krankheit ertönt. Die Berufung Gustav Mahlers an die Hofoper verleiht ihm etwas Hoffnung für die Aufführung des Corregidor in Wien. Es gibt auch neue Versuche mit Manuel Venegas, ein neuerliches Libretto von Rosa Mayreder bewirkt jedoch nur schwache künstlerische Inspirationen, vom groß angelegten Plan bleiben nur Fragmente übrig. In einem letzten verzweifelten Versuch, Mahler zu gewinnen, sucht er diesen im September 1897 im Büro des Operndirektors auf. Als es klar wird, dass aus der Aufführung des Corregidor zumindest in absehbarer Zeit nichts wird, geraten die Studienkollegen in einen heftigen Streit, was Wolf zum Verhängnis wird und in den Abgrund stürzt, aus dem kein Weg herausführt. Wolf gibt sich im Zustand geistiger Verstörung selber als Direktor der Hofoper aus, der dem unbeugsamen Dirigenten Mahler die Tür weist. Die bestürzten Freunde liefern ihn am 20. September in Dr. Svetlins Privatklinik ein, wo sich sein Zustand langsam stabilisiert. Am 24. Januar des folgenden Jahres wird er sogar entlassen. Der veränderte apathische Wolf bricht zu einer Italienreise auf, besucht auch seine Schwester in Celje und trifft kurz mit seiner Mutter auf dem Bahnhof in Velenje zusammen. Nach der Rückkehr ermöglicht man ihm einen Aufenthalt am Traunsee, wo er im September 1898 versucht, Selbstmord zu begehen. Am 4. Oktober wird er in die Niederösterreichische Nervenklinik in Wien eingewiesen. Die Mittel zur Deckung der Pflegekosten werden im neu gegründeten Hugo-Wolf-Verein aufgebracht, dem Michael Haberlandt vorsteht. Bis zu seinem Tod besucht ihn Melanie Köchert dreimal wöchentlich, häufig kommen auch andere Freunde, mehrmals auch seine Geschwister, im Frühling 1901 besucht ihn sogar seine Mutter. Am 22. Februar 1903 stirbt er.

 

Nachruhm und Wirkung

Haberlandt kümmert sich um Wolfs Totenmaske. Das Vermögen des unglückseligen Komponisten, vor allem Kleider und Bücher, wird auf magere 1364 Gulden und 56 Kreuzer geschätzt, es bleiben auch Schulden in Höhe von 925 Gulden in 58 Kreuzer. Das Begräbnis findet am Faschingsdienstag, den 24. Februar, statt. Der feierlichen Totenmesse in der Votivkirche am Ring wohnen zahlreiche Prominenzen teil, was den Publizisten Karl Kraus veranlasst, in seiner Zeitschrifft die Fackel den satirischen Aufsatz »Ist die Folter in Österreich abgeschafft?« zu veröffentlichen. Bereits ein paar Wochen nach dem Tod, im Frühling 1903, erscheint der erste Teil einer monumentalen Monographie von Ernst Decsey. Die tragische Lebensgeschichte des ungestümen Romantikers rührt das Publikum, und das Interesse für sein Werk steigt. Seine Lieder werden ins Repertoire der Konzertabende aufgenommen. Wolf selbst erhielt vom Schott Verlag ein Honorar von insgesamt 86 Mark, seine Familie in Slovenj Gradec erhält nur für die Autorenrechte vom Peters Verlag 260.000 Mark! In den Jahren 1902–1906 wird der Corregidor auf zahlreichen österreichischen und deutschen Bühnen aufgeführt. Der englische Musikwissenschafter Ernest Newman stell Wolf in seiner Monographie aus dem Jahr 1910 in die Spitze der namhaften Liederkomponisten, sogar vor Schubert. Für die Popularität von Wolfs Opus sorgen auch die Hugo-Wolf-Vereine in Österreich und Deutschland, aber auch anderswo in Europa und sogar in Amerika und Japan. Zu einer der Zentralfiguren des deutschen Musikschaffens wird er unreflektiert auch in der Zeit des Nationalsozialismus erhoben, nach dem Zweiten Weltkrieg schwindet deshalb vorübergehend das Interesse an Wolf. In der internationalen Musikszene wird er neuerlich vom namhaften Liederinterpreten Dietrich Fischer-Dieskau in ungeahnte Höhen gehoben. Jože Leskovar, dem Direktor der Musikschule Slovenj Gradec, ist es zu verdanken, dass Wolf seit den Achtzigerjahren schließlich auch in seinem slowenischen Geburtsort gebührend geschätzt wird.